Revue Nr. 12 - 20.3.2004, S. 38-42
 
Flussperlmuscheln
Wandlungsfähig
und schützenswert


Kalber Wehr: Durch das Umbauen dieses
Teilstückes der Our wurde zur Erhaltung der Flussperlmuschel beigetragen.

Die wenigsten Leute können mit dem Begriff «Flussperlmuschel» etwas anfangen. Doch in der Our wird versucht, einen großen Bestand aufzubauen. 
TEXT: DAVID THINNES

Perlen sind nicht unbedingt das, was man im Ösling erwartet. Neugierige werden auch keinen Perlentaucher finden, der mit dem Schnorchel im Mund auf der Suche nach dem wertvollen Objekt ist. Der Zufall treibt ein Sandkorn in die Muschel. So reift dann die Perle im Innern. Doch Flossen und Taucherbrille können im Keller bleiben. Denn die Wahrscheinlichkeit, eine Perle in einer Flussperlmuschel zu finden, ist praktisch null.
FAUNA UND FLORA sind verletzlich. Es gilt sie zu schützen und mit größter Aufmerksamkeit zu behandeln. Deswegen gibt es neben dem Naturpark Obersauer ein zweites geschütztes Gebiet im Nordosten des Landes: der Naturpark Our. Vor etwa 12 Jahren begann dieses Projekt mit fünf Gemeinden im Rahmen des SIVOUR (Syndicat intercommunal de la vallée de líOur).
Eine besondere Zuwendung gilt zur- zeit der Flussperlmuschel, seit 1987 auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Erste Voraussetzung für ihre Existenz ist kalkarmes Süßwasser. Nur hier kann
sie überleben. Für die Fortpflanzung benötigt sie jedoch die Hilfe der Fische. Optimal wäre der Lachs, der gilt jedoch als ausgestorben in Luxemburg. «Wir züchten die Bachforelle und setzen sie dann in der Our aus», erklärt Lexi Arendt von der Stiftung «Hëllef fir díNatur»,
Verantwortliche dieses Projektes. Die Muschel-Männchen setzen die Samen aus. Diese werden von den Weibchen, über die Atemwege, die Kiemen, aufgenommen. Sollte einmal Not am Mann (oder Frau) sein, hat die Muschel eine Lösung parat. Lexi Arendt: «Die Flussperlmuschel ist ein Zwitter. Sie kann sich in das fehlende Geschlecht umwandeln. Trotzdem ist es aber keine gesunde Fortpflanzung.» Das Weibchen befruchtet die Eier, die es dann auf dem Flussboden ablegt. Der Flussboden muss steinig sein. Schlamm behindert die Entwicklung. In den Kiemen eines Fisches, vorzugsweise der Bachforelle, nisten sich die Eier für sechs bis sieben Monate ein. Dann verlassen sie den Fisch. Viel Ähnlichkeit mit einer Muschel haben sie in diesem Zustand noch nicht. Sie sind weiß, durchsichtig und weich. Außerdem sind sie dann erst zwei Millimeter groß. Ausgewachsen messen sie bis zu 14 Zentimeter. Das Alter kann man übrigens, wie bei einem Baum, an den Ringen auf der Schale erkennen.

«Die Flussperlmuschel ist ein Zwitter. Sie kann sich in das zur Fortpflanzung fehlende Geschlecht umwandeln.»
Lexi Arendt, Hëllef fir díNatur

DIE BACHFORELLE ist jedoch nicht «recycelfähig». Einmal Larven in den Kiemen, baut sie Antikörper auf und kann kein zweites Mal «Babysitter» für die Flussperlmuschel spielen. Deshalb werden in der Our jedes Jahr ungefähr 10.000 Bachforellen ausgesetzt. Bis an den Rand des Aussterbens wurde die Flussperlmuschel von den Perlenräubern gebracht. Eine regelrechte Perlenfischerei ließ die Bestände immer kleiner werden. Im Deutschland des 19. Jahrhunderts weiß man von 150.000 geernteten Perlen innerhalb von vier Jahrzehnten. An erster Stelle der Bedrohung steht aber noch immer die Gefährdung durch Wasserverschmutzung und fehlende Kläranlagen. Der heutige Bestand beträgt etwa 1.500 bis 1.800 Muscheln. Dieser soll in den kommenden fünf Jahren um 1.000 erhöht werden. Hierfür wird eine Zuchtstation in der zurzeit noch heruntergekommenen Kalbermillen errichtet. Es liegt ein Projekt bei der EU vor. Die Verantwortlichen hoffen auf
eine fünfzigprozentige Unterstützung. «Durch die Habitatdirektive, eine Liste von bestimmten geschätzten Arten, wird die Flussperlmuschel als gefährdet angesehen. Wir erhoffen uns also die Zusage dieser Gelder. Wenn nicht, werden wir das Projekt trotzdem durchziehen», so Lexi Arendt zur Finanzierung der Kalbermillen. Immerhin ist der Bestand in der Our der größte westlich des Rheins. Der Erhalt der Flussperlmuschel wäre auf diese Weise auf längere Zeit gesichert. Die Rede ist sogar wieder von Flussperlmuschelbeständen in Deutschland und Belgien. Außerdem liegt die Muschel nicht faul im Wasser rum: sie ernährt sich von Plankton. Fünf Liter pro Tag filtert sie auf diese Weise. Die Entnahme ihrer Nahrung aus dem Wasser ist indes ein Beweis für die hohe Wasserqualität.
NICHT ERLAUBT ist die Fischerei in der Our ab dem 1. August. In dieser Zeit werden die Larven vom Weibchen im Flussbett abgelegt. Ebenfalls nicht mehr erlaubt sind Kanu fahren und Vieh, das die Our durchquert. Die Flussperlmuschel ist resistent. Die 800 Kilo einer Kuh hält sie dennoch nicht aus. Kommt kein größeres Tier, Kanufahrer oder sonstige externe Beeinträchtigung dazwischen, kann die Flussperlmuschel 80 bis 100 Jahre alt werden. Je kälter das Wasser ist, desto älter wird sie. Hinzufügen muss man noch, dass sie sich nicht zum Verzehr eignet. Auch wenn einige holländische Camper dies einmal versucht haben.
Durch dieses Projekt wird die Flussperlmuschel wesentlich bekannter in Luxemburg. Sie sollte sich aber in Ruhe entwickeln können, ohne Eingreifen etwaiger Störenfriede. Außerdem hat die Perle, falls man überhaupt eine findet, keinen Handelswert... 

Flussperlmuschel: Luxemburg verfügt über den grössten Bestand westlich des Rheins

Fast ausgewachsen: Die Flussperlmuschel wird maximal 14 Zentimeter gross.

Wasserverschmutzung: Die Qualität muss ständig überwacht und verbessert werden.

«Kalbermillen»: Hier wird eine Zuchtstation für Flussperlmuscheln aufgebaut.